Dicke Männer

... und dicke Frauen

Schönheitsideale im Wandel der Zeit

 

Hier ein Gespräch von zwei jungen Mädchen, so wie ich es mir wünschen würde: "Dicke Männer sind geil, oder nicht?" – "Ja klar sind die geil. Ich liebe dicke Männer. Je dicker, desto besser." Aber leider sieht die Realität meist anders aus. Heute gelten schlanke, dünne Menschen als attraktiv, erfolgreich und gesund. Auf Dicke wird herabgesehen und es wird ihnen ständig nahegelegt abzunehmen. Doch das war nicht immer so. In früheren Epochen war es oftmals genau umgekehrt.

Dicke Männer wurden lange Zeit mit Erfolg, Wohlstand, Einfluss, Verlässlichkeit und Seriösität in Verbindung gebracht. Mollige Frauen empfand man als begehrenswerter, erotischer und fruchtbarer als schlanke.

Aus der Steinzeit sind zahlreiche sogenannte Venusfiguren erhalten. Diese Statuetten, die als Symbol für Fruchtbarkeit und Schönheit galten, zeigten stets äußerst üppige Frauen mit großen Brüsten, breiten Hüften, strammen Oberschenkeln, einem ausladendem Hinterteil und einem mächtigem Bauch. Wie viele prähistorische Funde belegen, hat sich diese Darstellung der Weiblichkeit über rund 20 Jahrtausende kaum verändert. Die Geburt eines Kindes war eine gefährliche Angelegenheit. Eine Frau musste über ausreichende Fettreserven verfügen, um die Niederkunft und das Stillen des Säuglings zu überstehen. In Zeiten, in denen die Menschheit Hungersnöten, Eiszeiten und Krankheiten ausgesetzt war und noch keine Landwirtschaft kannte, waren möglichst große Fettreserven überlebenswichtig. Unglücklich war derjenige, der kein Fett ansetzte. Er wurde oft von Nahrungsmittelmangel, Krankheit, Kälte oder von Feinden dahingerafft. Außerdem fand er keine Gefährtin. Die Frauen bevorzugten dicke Männer, da diese für stärker, gesünder und männlicher gehalten wurde.

In den Anfängen der Zivilisation wurden in Mesopotamien erste Städte gegründet. Dort huldigte man den Göttinnen der Fruchtbarkeit, die üppig und gebärfreudig waren. Männer und Frauen versuchten ihren Göttern zu ähneln und an Gewicht zuzulegen wo sie nur konnten, da Fettleibigkeit für Reichtum und Fruchtbarkeit stand. Besonders verehrt wurde Inanna, die Göttin der Liebe, des Krieges und der Natur. Alljährlich wiederholte sich eine rituelle Hochzeit zwischen dem König und der Göttin Inanna, die durch ihre Stellvertreterin, der Großpriesterin des Uruk-Tempels, verkörpert wurde. In dieser Zeremonie sollte der König als würdig für den Thron erklärt und der Erde Fruchtbarkeit geschenkt und Trockenheit und Hungersnöte abgewendet werden. Wie sumerische Geschichtsschreiber berichten, wurde König Schulgi schon Monate vorher auf die Begegnung mit Inanna bzw. der Priesterin vorbereitet. Pagen und Sklaven mästeten ihn mit Milch, Sahne, Honig und Zuckerrüben, damit er am Tag der heiligen Vereinigung prächtig und stolz der wohlbeleibten Großpriesterin gegenübertreten konnte. Die währenddessen in ihrem Tempel den Geist der Göttin Inanna anflehte in ihren üppigen Körper hinabzusteigen. Nach der Hochzeit bat die Priesterin den König um viel Sahne und fette Milch, damit ihr Körper wieder in all seiner Pracht erstrahlen würde und nicht die Magerkeit über sie und das Land käme. Leibesfülle brachte die Gunst der Götter. So flehten die Menschen Inanna an, ihnen ihre göttlichen Reize zu gewähren.

Im alten Rom liebte man es zu Schlemmen. Fette Männer ließen sich gerne von drallen Sklavinnen bedienen. Öl, Schweineschmalz und Butter flossen in Strömen. Die Römer liebten alle Speisen und üppige Festgelage waren keine Seltenheit. Die größte Sorge war es abzumagern. Denn dadurch konnte man in Verdacht geraden krank oder arm oder kein echter Römer zu sein, sondern vielleicht sogar zu einer mysteriösen Sekte, den Christen, zu gehören. Ein kräftiges Erscheinungsbild versprach Sicherheit, Reichtum und Autorität. Körperfülle zeigte, dass man nicht zu den Armen gehörte und erweckte Respekt und Vertrauen. Ein rundlicher Körper galt als großzügiges Geschenk der Götter. Auch die römischen Kaiser gingen mit gutem Beispiel voran und schlugen sich die Bäuche voll, wann immer es möglich war. Überlieferungen zufolge standen die Römerinnen den Männern weder in Appetit noch in Leibesumfang nach. Anders als die Griechen, die Schlankheit bewunderten, empfanden die Römer nur einen üppigen Frauenkörper mit ausladenden Hüften, einer kräftigen Taille und drallen Brüsten als anziehend.

In den harten Zeiten des Mittelalters ernährten sich die meisten Menschen eher kärglich und auch die Kirche predigte Fasten und ein einfaches Leben. Erst zur Zeit von Kaiser Karl dem Großen ändert sich daran langsam etwas. Edelleute und Geistliche stopfen sich von früh bis spät die Bäuche voll. In der festen Überzeugung, dass nur ein voller Magen auch gut beten kann. In Burgen und Klöstern sind Festessen und Schlemmereien an der Tagesordnung. Je fülliger der Körper ist, desto mehr ist er Ausdruck der Dankbarkeit gegenüber Gott für all die guten Dinge dieser Welt. Doch zu Beginn des 11. Jahrhunderts geht die Kirche dagegen vor und ruft zur Mäßigung auf.

Die Renaissance in Europa führte nicht nur zu einer Erneuerung der Literatur und der Kunst, sondern auch zu Veränderungen in der Kochkunst und der Lebensart. Am französischem Hof fanden nicht enden wollende Gelage statt. Auch Edelleute, reiche Bürger und selbst das einfache Volk fanden Geschmack an den Tafelfreuden, denn durch Fortschritte in der Landwirtschaft hatte sich die Versorgung mit Nahrungsmitteln erheblich verbessert. Durch die ständige Schlemmerei wurden die Menschen so dick, dass der Erzbischof von Sens einen ausgebuchteten Tisch erfand. Die fettleibigen Gäste konnten in die Ausbuchtungen rücken, die in die Tischkante geschnitten waren und hatten so bequem Platz für ihre dicken Bäuche. Anders als im Mittelalter, als man flachbrüstige, zierliche Frauen bevorzugte, bewunderte man im 16. Jahrhundert Frauen mit üppiger Oberweite, molligen Hüften, rundem Hintern und dickem Bauch. Besonders beliebt waren pausbäckige Frauen mit rundem Gesicht und deutlichem Doppelkinn, welches als äußerst erotisch galt. Ein schwerer, kräftiger Körper symbolisierte für Männer wie Frauen eine gute geistige und körperliche Verfassung und war Zeichen für Erfolg, Lebensart und Intelligenz. Fettleibigkeit wurde demnach nicht als hässlich, sondern als erstrebenswert empfunden. Jungen Männern riet man sich nicht mit mageren Frauen einzulassen, denn sie sollten unfähig sein Kinder zu bekommen und sich im Bett wie ein harter Lattenrost anfühlen. Dünne Frauen fanden nur dann einen Mann, wenn sie Geld hatten. Deshalb unternahmen die Frauen alles, um sich der Mode anzupassen und versuchten alle möglichen Diäten, mit zucker- und fetthaltigen Lebensmitteln, um sich zu mästen. Mitte des 17. Jahrhunderts setzte sich dann allerdings der Trend des Korsetts durch, welcher die Leibesfülle der Damen in eine Sanduhr-Form pressen sollte.

Während Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts Körperfülle noch als Zeichen von Wohlstand und Respektabilität geschätzt wurde und Frauen mit drallen Rundungen als begehrenswert und schön galten, änderte sich schon in den 1920er Jahren das Schönheitsideal immer mehr hin zu einem schlanken und trainierten Körper.

Zur Zeit der Nationalsozialisten durfte zumindest der weibliche Körper wieder etwas fraulicher sein. Runde Hüften und ein großer Busen wurden als Ausdruck von Mütterlichkeit und Gebärfreudigkeit propagiert. Schlanksein war jedoch weiterhin ein Muss.

Nach den Entbehrungen des 2. Weltkrieges wurde durch den Wirtschaftsaufschwung in den 50er und 60er Jahren wieder mehr Wert auf gutes und reichliches Essen gelegt, welches die Bäuche schnell wachsen ließ. Die Ansicht, dass dicke Menschen nicht nur Selbstsicherheit und Wohlstand ausstrahlen, sondern auch gesund sind, war weit verbreitet. Frauen mit üppigen weiblichen Kurven standen hoch im Kurs. Verkörpert wurden sie durch Schauspielerinnen wie Marilyn Monroe, Brigitte Bardot, Gina Lollobrigida, Sophia Loren, Liz Taylor oder Jayne Mansfield. Doch bereits gegen Ende der 60er Jahre war es damit leider wieder vorbei und dicke Männer und Frauen wurden erneut zum Abnehmen verdonnert.

In vielen muslimischen Ländern, in Teilen Afrikas und auf einigen pazifischen Inseln gelten dicke Frauen auch heute noch als äußerst attraktiv. Noch vor kurzem gab es in Nigeria sogar spezielle Heime, in denen junge Frauen gemästet wurden, um ihre Heiratsaussichten zu verbessern. In Mauretanien existiert diese Tradition teilweise noch immer. So werden die Mädchen mit Butter, Milch und Maisbrei gefüttert, um möglichst viel Speck anzusetzen. Ein voluminöser Frauenkörper wird als Statussymbol und Zeichen des Wohlstandes und Überflusses angesehen. Dünne Frauen gelten als kränklich, arm und weniger geeignet der Familie gesunde Nachkommen zu schenken.

Auf der Pazifikinsel Nauru leben einige der dicksten Menschen der Welt. Laut Statistiken sind über 90 Prozent der Bevölkerung übergewichtig. Die Menschen dort essen gerne, vor allem viel und fettig. Fettleibigkeit ist beinahe im gesamtem Pazifikraum weit verbreitet. Dies wird allerdings kaum als Problem gesehen, weil körperliche Fülle hohes Ansehen und Reichtum verspricht.

In einigen asiatischen Ländern, wie z.B. in Thailand oder auf den Philippinen, bevorzugen viele Frauen dicke Männer, da nur wohlhabende Männer sich so viel Essen leisten können, um davon dick zu werden.

Chinesische Eltern verwöhnen ihre Kinder gerne. Ein wohlgenährtes Kind gilt in China traditionell als Zeichen von Wohlstand und Kraft. Besonders die Jungen werden oft regelrecht gemästet. Das westliche Schlankheitsideal hat sich in China noch nicht durchgesetzt und gilt, wenn überhaupt, vor allem bei den Mädchen.

Auch der Stamm der Bodi in Äthiopien bewundert dicke Männer. Alljährlich mästen sich die jungen Männer, um so fett wie möglich zu werden. In einem Wettbewerb präsentieren sie stolz ihre dicken Bäuche. Die Stammesältesten wählen dann den dicksten Mann zum Sieger.

dicke Männer
Dicke Männer in Äthiopien


Quellen:

 
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